Haftpflicht­versicherung

Haftpflichtversicherungen sind für deutsche Unternehmen zu überwiegend kundenfreundlichen Preisen und guten Versicherungsbedingungen erhältlich. Auch Firmen, die in risikobehafteten Branchen wie Pharma oder der Kfz-Industrie tätig sind, erhalten guten Deckungsschutz. Das liegt unter anderem daran, dass die Haftpflichtversicherer insgesamt positive Ergebnisse erzielt haben. Auch deshalb gab es kaum Preiserhöhungen. Diese für die Unternehmen positive Marktsituation sollte auch in naher Zukunft anhalten – mit Ausnahme weniger Branchen. Die Digitalisierung von Produktionsabläufen und Lieferketten nimmt zu. Viele Unternehmen beschäftigen sich daher intensiv mit der Frage, ob ihre geänderten Produktions- und Betriebsabläufe Auswirkungen auf bestehende Versicherungen haben. Vor allem Haftungsfragen zwischen Zulieferern und Abnehmern müssen oft neu beantwortet werden. International tätige Unternehmen müssen häufig viel Aufwand betreiben, um länderübergreifende Versicherungsprogramme regelkonform zu gestalten (Stichwort: Compliance). Die Versicherer haben unterschiedliche Haltungen zu diesem Thema. Daher ist es für die Unternehmen schwierig, Angebote verschiedener Versicherer vergleichen zu können. Dass sich Aufsichtsrechte und Steuerrechte in vielen Ländern immer wieder ändern, macht die Aufgabe noch herausfordernder.

Marktsituation

Nach Zahlen des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV) haben Privatpersonen und Unternehmen in Deutschland im Jahr 2016 7,7 Milliarden Euro für Haftpflicht­versicherungen gezahlt. Das sind 2 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Schadenkostenquote war mit 94 Prozent positiv für die Versicherungsunternehmen. Damit war sie auch deutlich besser als die ursprüngliche Prognose von 97 Prozent.

Für das Jahr 2017 wird von einem auf 7,8 Milliarden Euro steigenden Betrag für Haftpflichtversicherungen ausgegangen. Die Schadenkostenquote wird unverändert mit 94 Prozent prognostiziert. In diesen Zahlen sind auch Managerhaftpflichtversicherungen (D&O-Versicherungen) enthalten, die vom GDV nicht separat ausgewiesen werden.

Aufgrund der anhaltend positiven Schadenkostenquoten ist die deutsche Haftpflichtversicherung für viele Versicherer ein sehr attraktiver Markt. Die Zahl der Versicherer, die industrielle Haftpflichtversicherungen in Deutschland anbieten, ist daher hoch. In diesem Jahr hat es weitere Markteintritte gegeben. Etablierte Versicherer bauen ihre Kapazitäten weiter aus. Der unmittelbare Zugang von Rückversicherern in den Haftpflichtmarkt nimmt ebenfalls zu.

Erwartete Schadenkostenquote:
94%
für das Geschäftsjahr 2017
Das Risiko der Geburtshilfe ist für Gynäkologen und Hebammen nur sehr begrenzt versicherbar.

Die nun geltenden Vorschriften zur Eigenkapitalbildung für die eingegangenen Risiken von Versicherungsunternehmen (Solvency II) haben keine negativen Auswirkungen gehabt. Alle Haftpflichtversicherer bieten nach den erstmalig ermittelten Werten eine ausreichende Eigenkapitalhinterlegung (Solvenzkapitalanforderung). Es bleibt abzuwarten, ob die Anforderungen, die Solvency II an die Risiko- und Eigenkapitalbeurteilung der Versicherungsunternehmen stellt, Auswirkungen auf deren Bereitschaft haben werden, den Deckungsschutz für bestimmte Unternehmensbranchen zu verteuern oder zu verschlechtern.

Größere Versicherungsschäden sind bei einigen Automobilzulieferern eingetreten. Dies betraf die Kfz-Rückrufkostenversicherung. Aufwendungen für einzelne Versicherer von mehreren Millionen Euro waren das Ergebnis.

Das führt dazu, dass Versicherer sich in diesem Bereich zurückhalten und den Zulieferern Preissenkungen oder die Verbesserung der Versicherungsbedingungen nur selten anbieten. Die mit der Digitalisierung einhergehenden Herausforderungen an die Zulieferer werden die Anforderungen an ihren Versicherungsschutz weiter verschärfen. Für die Kfz-Zulieferer ist es jetzt wichtig, umfassend und transparent mit den Versicherern zusammenzuarbeiten. Denn so können sie eine Erhöhung ihrer Versicherungskosten und eine Verschlechterung der Versicherungsbedingungen abwenden.

Die Investitionen in die Digitalisierung werden weiter steigen. Bis zum Jahr 2020 wird von 50 Milliarden mit dem Internet verbundenen Geräten ausgegangen; davon 770 Millionen Geräte in Deutschland.1 Die ständige Zunahme an Geräten und die wachsende Bedeutung der Digitalisierung sind bereits jetzt feststellbar, und vermehrt stellt sich den Unternehmen die Frage, ob die bisherigen Absicherungen gegen Schäden Dritter durch bestehende Haftpflichtversicherungen noch ausreichend sind – sowohl als Nutzer einer immer stärkeren Vernetzung als auch als Produzent von Teilen des Internets der Dinge.

Ausblick

Der Haftpflichtversicherungsmarkt bleibt käuferfreundlich: Die Zahl der im deutschen Markt tätigen Haftpflichtversicherer wird stabil bleiben. Die von den Versicherern angebotenen Deckungssummen werden tendenziell sogar zunehmen.

Aufgrund der beschriebenen Schadenentwicklungen in einigen Unternehmensbranchen und der dargestellten wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen diskutiert die Versicherungswirtschaft intensiv über Lösungsmöglichkeiten. Für die meisten Herausforderungen der Unternehmenskunden sollten sich dabei adäquate Lösungen ergeben.

Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit für Bereiche der medizinischen Heilbehandlung nur eingeschränkt gelten. Zwar sind einige Versicherer neu auf den deutschen Krankenhaus-Haftpflichtmarkt gekommen und das Angebot an Deckungsschutz hat zugenommen. Das Risiko der Geburtshilfe ist aber sowohl für Gynäkologen als auch für Hebammen wenn überhaupt nur sehr begrenzt versicherbar. Wenn es Angebote in diesem Bereich gibt, sind diese in der Regel viel zu teuer.

Daher geben viele Gynäkologen mit Geburtshilfe und freiberufliche Hebammen ihre Tätigkeit auf. Die Folge ist, dass immer mehr Frauen für ihre Geburtsbegleitung keine Hebamme finden. Da die privatwirtschaftliche Versicherung also keine akzeptable Lösung bietet, wäre über andere, auch staatlich getragene, Lösungen nachzudenken. Bislang stehen derartige Lösungen jedoch nicht in Aussicht.

Automatisierungsstufen im Überblick

Teilautomatisiertes Fahren

Der Fahrer muss das System dauerhaft überwachen und jederzeit zur vollständigen Übernahme der Fahraufgabe bereit sein.

Hochautomatisiertes Fahren

Der Fahrer muss das System nicht dauerhaft überwachen. Das System warnt den Fahrer aber rechtzeitig, wenn dieser eingreifen muss.

Vollautomatisiertes Fahren

Der Fahrer muss das System nicht überwachen. Das System ist in allen Situationen in der Lage, einen „risiko-minimalen“ Zustand herzustellen.

Autonomes („fahrerloses“) Fahren

Das System übernimmt das Fahrzeug vollständig vom Start bis zum Ziel; alle im Fahrzeug befindlichen Personen sind nur Passagiere.

Quelle: Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur

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Markttrends

Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) werden spätestens zum 1. Januar 2018 Änderungen umgesetzt. So wird unter anderem die kaufvertragliche Mängelhaftung reformiert. Die neuen Paragrafen 439 Absatz 3 und 445a BGB werden dazu führen, dass ein Verkäufer bei Geschäften unter Unternehmern im Rahmen der Nacherfüllung auch ohne ein Verschulden für Mängel an einer verkauften Sache dem gewerblichen Käufer die mangelbedingten Aus- und Einbaukosten zu ersetzen hat. Bisher war für diesen Ersatz ein Verschulden des Verkäufers notwendig.

Ob und inwieweit dies Auswirkungen auf bestehende Haftpflichtversicherungen haben wird, wird in der Versicherungsbranche intensiv diskutiert. Manche Versicherer gehen von deutlichen Haftungsverschärfungen aus. Es scheint jedoch verfrüht, diesen Schluss zu ziehen. Denn schon bisher waren Hersteller in vielen Fällen zum Schadenersatz für Aus- und Einbaukosten verpflichtet. Ob es also für bestimmte Unternehmensbranchen zu erhöhten Preisen oder schlechteren Versicherungsbedingungen kommt, wird sich erst bei den anstehenden Erneuerungsverhandlungen der Versicherungsverträge herausstellen.

Die aktuellen Produkthaftpflicht- und Kfz-Rückrufkostenversicherungen bieten den Unternehmen, die diese abgeschlossen haben, prinzipiell Deckung, da es sich um eine gesetzliche Haftung handelt. Je nach Formulierung der gedeckten Schäden und der Ausschlüsse kann es nach der Reform der Mängelhaftung aber Anpassungsbedarf geben, um in jedem Fall Versicherungsschutz zu gewährleisten.

Die Einführung der neuen EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) wird für alle Unternehmen deutlich strengere Haftungen im Umgang mit personenbezogenen Daten mit sich bringen. Die DSGVO wird am 28. Mai 2018 in allen Ländern der EU in Kraft treten und gelten. Dabei wird es schärfere Anspruchsgrundlagen im Falle einer Verletzung personenbezogener Daten geben. Unternehmen werden ab diesem Zeitpunkt Verletzungen des Datenschutzes wesentlich früher melden müssen. Bei Verstößen gegen die Verordnung werden hohe Bußgelder fällig: bis zu 4 Prozent des weltweiten Umsatzes eines Unternehmens oder bis zu 20 Millionen Euro – je nachdem, welcher Betrag höher ist. Von diesen Änderungen können auch bestehende Haftpflichtversicherungen tangiert werden, wobei Bußgelder hier ganz überwiegend nicht versichert sind.

Ein wesentlicher Vorreiter für die Digitalisierung ist die Kfz-Industrie. Der am 30. März dieses Jahres verabschiedete Entwurf zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes, der ein automatisiertes Fahren ermöglichen wird (siehe Schaubild), verankert die ultimative Haftung unverändert beim Halter des Kfz. Aber daneben ist es zulässig, einem Computer die Kontrolle über das Fahrzeug unter definierten Voraussetzungen zu überlassen. Durch eine fest installierte Blackbox soll immer zweifelsfrei geklärt werden können, wer im Moment eines Unfalls die Kontrolle über das Kfz hatte: Fahrer oder Computer.

Somit wird unverändert eine Kfz-Haftpflichtversicherung die zuerst in Anspruch zu nehmende Versicherung sein. Durch die sehr genaue Bestimmung der Verantwortung werden aber Regresse gegen den Fahrzeugproduzenten und somit gegen dessen Haftpflichtversicherung zunehmen. Zulieferer stellen sich bereits jetzt auf die neuen Anforderungen ein und passen sowohl ihre Produkte als auch ihre Prozesse an: Die Softwareerstellung wird gegenüber der bisherigen Fertigung physischer Produkte massiv an Bedeutung gewinnen. Insofern wird auch der Haftpflichtversicherungsschutz anzupassen sein. Die Versicherungswirtschaft hat bereits darauf reagiert und bietet Konzepte zur Absicherung neuer gesetzlicher und vertraglicher Haftungsrisiken für Vermögensschäden an.

1 Deutsche Bundesregierung, Digitale Agenda 2014–2017

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