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Wegfall des Solidaritätszuschlags  | 5 Fragen an

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Fünf Fragen an ...
Nina Schwarze und Roland Horbrügger | Wegfall des Solidaritätszuschlags - Zeit für einen guten (bAV) Plan


Ursprünglich um die Kosten der deutschen Einheit zu finanzieren, führte der Bund im Jahr 1991 eine Steuererhöhung ein, die als Solidaritätszuschlag - kurz „Soli“ - Bekanntheit erlangte. Seit 1998 beträgt der Soli 5,5 % der Einkommen- und Körperschaftsteuer. Ende 2020 hat der Bundestag beschlossen, diese Steuererhöhung ab 2021 schrittweise zurückzunehmen.

Nina Schwarze und Roland Horbrügger über die Möglichkeit, die durch den Wegfall des Solis generierte Nettoeinkommensersparnis für den Aufbau einer zusätzlichen betrieblichen Altersversorgung (bAV) zu nutzen.


Welche konkreten Ersparnisse haben Arbeitnehmer durch den Soli-Wegfall?

Horbrügger: Ab diesem Jahr wird kein Solidaritätszuschlag mehr erhoben, wenn die zu zahlende Einkommensteuer unter 16.956 € bei Einzelveranlagung, bzw. 33.912 € bei Zusammenveranlagung liegt. Oberhalb dieser Grenze beginnt eine sogenannte Milderungszone. Innerhalb dieser wird nur ein ermäßigter Soli erhoben, dessen Höhe von dem zu versteuernden Einkommen abhängt. Nur noch Spitzenverdiener mit einem jährlich zu versteuernden Einkommen über 96.820 € für Alleinstehende und 193.641 € für Verheiratete haben den Soli auch zukünftig in der bisherigen Höhe zu entrichten.

Schwarze: Laut Bundesfinanzministerium (BMF) handelt es sich um „eine der größten Steuersenkungen unserer Geschichte“. Auf der Webseite des BMF lässt sich annährungsweise errechnen, in welcher Höhe sich die Abschaffung des Solis auf das Nettogehalt des Steuerpflichtigen auswirkt. Beispielsweise hat ein alleinstehender Arbeitnehmer mit einem zu versteuernden Einkommen von jährlich 36.000 € zukünftig eine Ersparnis von rund 384 € im Jahr und somit monatlich etwa 32 € mehr netto in der Tasche.

Sollte man die Ersparnis im Nettoeinkommen zum Aufbau einer bAV nutzen?

Schwarze: Diese Entscheidung muss jeder Arbeitnehmer selbst treffen. Aber da viele bekanntermaßen keine ausreichende Eigenvorsorge für das Alter oder den Fall der Erwerbsminderung getroffen haben, lohnt es sich auch losgelöst von der gesetzlichen Neuregelung im Steuerrecht, die Möglichkeiten der bAV zu nutzen. So können Arbeitnehmer beim Aufbau der eigenen Altersversorgung insbesondere von zusätzlichen Steuervorteilen und einer Förderung durch den Arbeitgeber profitieren.

Horbrügger: Durch den Wegfall des Solis erfahren Arbeitnehmer nun unerwartet eine Erhöhung des Nettogehaltes, die in der privaten Ausgabenplanung bisher keine Rolle spielte. Insofern ist es sinnvoll, die Ersparnis in die eigene Vorsorge zu investieren, ohne dafür Einbußen im bisherigen Nettogehalt hinnehmen zu müssen. Die Vorsorge über die bAV ist hierbei durch den sogenannten. „Brutto-Netto-Effekt“ und die günstigen Sonderkonditionen, die Arbeitgebern bei der Umsetzung der bAV für ihre Arbeitnehmer zur Verfügung stehen, besonders vorteilhaft.

Wie wirkt sich der „Brutto-Netto-Effekt“ in der bAV konkret aus?

Horbrügger: Nehmen wir an, der Arbeitgeber bietet seinen Arbeitnehmern eine bAV im Durchführungsweg der Direktversicherung an. In diesem Fall würde der Versicherungsbeitrag  dem Bruttoentgelt entnommen, weil die Beiträge an die Direktversicherung bis zu 8 % der Beitragsbemessungsgrenze der gesetzlichen Rentenversicherung (West) (BBG) steuerfrei und bis zu 4 % der BBG sozialversicherungsfrei sind.

Entscheidet ein Arbeitnehmer den Betrag, um den sich sein Nettoeinkommen durch den Wegfall des Solis erhöht hat, in die bAV einzubringen, so fließt tatsächlich ein höherer Beitrag in die Direktversicherung. Dieser setzt sich aus dem erhöhten Nettobetrag + der eingesparten Einkommensteuer + der eingesparten Sozialversicherungsbeiträge des Arbeitnehmers zusammen. Zusätzlich ist der Arbeitgeber spätestens ab dem Jahr 2022 verpflichtet, die Entgeltumwandlung der Arbeitnehmer in Höhe von 15 % des Umwandlungsbetrags zu bezuschussen, soweit er durch die Entgeltumwandlung Sozialversicherungsbeiträge einspart. Der tatsächliche Versicherungsbeitrag übersteigt damit deutlich den Betrag, um den sich das Nettoeinkommen des Arbeitnehmers durch den Wegfall des Solis erhöht hat.  

Schwarze: In konkreten Zahlen bedeutet dies am voranstehenden Beispiel: Der alleinstehende Arbeitnehmer mit einem zu versteuernden Einkommen von jährlich 36.000 € bringt monatlich - neben 32 € aus der Nettogehaltserhöhung durch den Entfall des Solis - weitere 16,25 € aus der eingesparten Einkommensteuer sowie 12,18 € Sozialversicherungsersparnis in die bAV ein. Der daraus resultierende Beitrag in Höhe von 60,44 € erhöht sich spätestens ab 2022 um einen Zuschuss des Arbeitgebers von 15 %. Damit investiert der Arbeitnehmer monatlich 69,15 € in die bAV und dennoch bleibt sein Nettoeinkommen, gegenüber dem Nettoeinkommen vor Wegfall des Solis, unverändert.

Welche günstigen Sonderkonditionen sind bei der bAV denkbar?  

Horbrügger: Neben der Bezuschussung durch den Arbeitgeber, hat es zahlreiche weitere Vorteile für Arbeitnehmer, die bAV für den Aufbau einer zusätzlichen Altersversorgung zu nutzen. So haben Arbeitgeber in der Regel die Möglichkeit, ihren Arbeitnehmern im Rahmen eines Gruppenvertrages attraktive Sonderkonditionen gegenüber einem privaten Vertragsabschluss zu bieten. Neben reduzierten Kosten profitieren Arbeitnehmer z.B. von verbesserten Aufnahmevoraussetzungen.

Schwarze: Insbesondere für die Absicherung von Berufsunfähigkeits- und Todesfallrisiken kann dies vorteilhaft sein, da durch vereinfachte Risiko- und Gesundheitsprüfungen häufig deutlich weniger umfangreiche Gesundheitsfragen beantwortet werden müssen – mitunter entfallen diese vollständig. Arbeitnehmer mit Vorerkrankungen profitieren davon besonders, da sie oftmals keine private Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen können. In der bAV können auch sie Zugang zu verbesserten Versorgungsleistungen erhalten und vor Beitragszuschlägen, Risikoausschlüssen oder gar Ablehnungen geschützt werden.

Bestehen Nachteile für den Arbeitgeber, wenn er seinen Mitarbeitern eine solche Möglichkeit der bAV anbietet?

Schwarze: Nein, grundsätzlich ergeben sich für den Arbeitgeber keine Nachteile , wenn er seinen Arbeitnehmern ermöglicht, eine durch Entgeltumwandlung finanzierte Vorsorge für ihr Alter oder den Fall der Erwerbsminderung zu treffen. Den ab 2022 verpflichtenden Arbeitgeberzuschuss muss der Arbeitgeber lediglich gewähren, sofern er durch die Entgeltumwandlung des Mitarbeiters tatsächlich Sozialversicherungsbeiträge spart.

Horbrügger: Natürlich kann der Arbeitgeber die Attraktivität der bAV durch weitere von ihm finanzierte Beitragszuschüsse erhöhen. Durch eine geschickte Nutzung der Förderung gemäß § 100 EStG sind derartige Zuschüsse für den Arbeitgeber ggf. teilweise oder sogar vollständig kostenneutral möglich.

Eventuell hat der Arbeitgeber einen höheren Administrationsaufwand, durch das Angebot einer attraktiven bAV kann er jedoch eine positive Botschaft vermitteln und eine erhöhte Mitarbeiterbindung erreichen.

Schwarze: Das ist richtig. Aber da die meisten Arbeitgeber ohnehin bereits eine bAV anbieten, erhöht sich durch die Einbringung der Nettolohnersparnis in eine bestehende Altersversorgung für diese nicht einmal der administrative Aufwand des Arbeitgebers.

Als Fazit:

Für Arbeitnehmer ist es ist sinnvoll, die durch den Wegfall des Solis erfolgte Erhöhung des Nettogehaltes in die bAV zu investieren, um eine Vorsorge aufzubauen, ohne dafür Einbußen im bisherigen Nettoeinkommen hinnehmen zu müssen. 

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